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30 Jahre sind genug

Brief an meine Patienten

In diesem Jahr werden es dreißig Jahre, in denen ich in meiner Praxis am Marienplatz gearbeitet habe. Zuvor knapp neun Jahre in der Klinik und, wenn es mir geschenkt wird, liegen noch etliche Jahre (sechs Jahre plus habe ich mir vorgenommen) in meiner neuen Praxis in Borchen vor mir.
Dennoch, dreißig Jahre internistische Medizin sind genug und ich gehe erleichtert in einen neuen Abschnitt, in dem ich nur noch als Psychotherapeut und in der psychosomatischen Medizin tätig sein werde.

Erleichtert deswegen, weil ich in Frau Dr. Mahrafzoon Moshref zum  2. April 2013 eine Nachfolgerin gefunden habe, der ich medizinisch und menschlich völlig vertraue. Als Allgemeinmedizinerin wird sie die Praxis hausärztlich so weiterführen können, wie Sie, liebe Patienten, es gewohnt sind. Als Gynäkologin wird sie das Leistungsspektrum hinsichtlich der spezifischen Vorsorgeuntersuchungen entsprechend erweitern.

 

moshref

Hier ein kurzer Auszug aus ihrer Vita: Grundschule und Gymnasium in Kunduz. Abitur 1979. Bis 1985 Medizinstudium in Kabul. Bis 1990 Fachausbildung am Malali-Krankenhaus in Kabul zum Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Arbeit in eigener Praxis in Kunduz bis 1995. Weiteres Studium und ärztliche Tätigkeit an verschieden Kliniken in Wien. Zuletzt tätig als Assistenzärztin in den Krankenhäusern Brilon und Salzkotten.

 

Besonders glücklich bin ich darüber, dass Frau Dr. Moshref meine Mitarbeiterinnen Frau Lena Ahlers und Frau Evgenia Fedorow, die Ihnen seit 10 bzw. 5 Jahren vertraut sind, weiter beschäftigen wird. Viele von Ihnen schätzen ihre Freundlichkeit, Fröhlichkeit und ihre Sachkompetenz. Nicht wenige haben mir versichert, dass vertraute Gesichter und Räume den Übergang deutlich erleichtern würden. Sic! So kann ich denn nun gehen. Langsam, denn bis zur Jahresmitte werde ich noch mithelfen, den Übergang fließend zu gestalten. Vor allem habe ich mir vorgenommen, jeden von Ihnen, liebe Patienten, meiner Nachfolgerin vorzustellen. Übergabe nannten wir das in klinischen Tagen.

Bleibt nur noch ein herzliches Dankeschön zu sagen. Danke für Ihr Vertrauen, Danke für Ihre Treue, Danke auch für das Verständnis, dass Doktors auch nur Menschen sind.

Noch viele gesunde Jahre wünsche ich Ihnen. Ach ja, und tun Sie was dafür!

Ihr alter Doktor

Neujahrsgrüße

Wünsche zum neuen Jahr

Ein bisschen mehr Friede und weniger Streit.
Ein bisschen mehr Güte und weniger Neid.
Ein bisschen mehr Liebe und weniger Hass.
Ein bisschen mehr Wahrheit – das wäre was.

Statt so viel Unrast ein bisschen mehr Ruh.
Statt immer nur ICH ein bisschen mehr DU.
Statt Angst und Hemmung ein bisschen mehr Mut.
Und Kraft zum Handeln – das wäre gut.

In Trübsal und Dunkel ein bisschen mehr Licht.
Kein quälend Verlangen, ein bisschen Verzicht.
Und viel mehr Blumen, solange es geht.
Nicht erst an Gräbern – da blüh´n sie zu spät.

Ziel sei der Friede des Herzens.
Besseres weiß ich nicht.

Peter Rosegger

Dem schließen wir uns von Herzen an…

Lena Ahlers, Evgenia Fedorow, Karen Herber, Gisela Rößler, Hanswerner Herber

Krankheit – ein guter Anlass heil zu werden

Stress im Job: ein Gesundheitsrisiko.

Sterberisiko steigt mit den psychischen Auffälligkeiten

Psychische Probleme: Schon ein bisschen Stress tötet.

Das Leben von Menschen mit psychischen Problemen ist verkürzt. Auch dann, wenn die Beschwerden noch keinen Krankheitswert haben.

So reißerisch, so gut… dachten sich wohl die medizinischen Gazetten, als sie eine schottische Metaanalyse (BMJ 2012; 345: e4933) vorstellten.  Zwischen psychischen Problemen und dem Sterberisiko besteht quasi eine „Dosis-Wirkungs-Beziehung“, so wurde dort konstatiert.

Die Forscher haben Daten von 68.222 Personen aus der Allgemeinbevölkerung ausgewertet. Dabei war psychischer Disstress anhand eines Fragebogens (General Health Questionnaire) ermittelt worden. Für diesen Score werden Infos zu Anzeichen von Depression und Angstzuständen, Problemen mit der sozialen Funktion und Vertrauensverlust dokumentiert. Ein GHQ-12-Score von 0 bedeutet Symptomfreiheit, bei Werten von 1 bis 3 werden die Symptome als subklinisch eingestuft. Werte von 4 bis 6 beziehungsweise 7 bis 12 werden für symptomatische oder stark symptomatische Personen vergeben.

Die Studienteilnehmer waren im Mittel 55 Jahre alt und frei von Herz-Kreislauf- und Krebserkrankungen. Während der Beobachtungszeit von acht Jahren starben 8365 von ihnen. Das Sterberisiko nahm mit den psychischen Auffälligkeiten zu – und zwar über das gesamte Spektrum hinweg. Bei subklinischen Beschwerden betrug der Mortalitätsanstieg 16 Prozent; er erhöhte sich bis auf 67 Prozent bei starken Symptomen.

Ein ähnlicher Zusammenhang ergab sich, wenn nur die Todesfälle mit kardiovaskulärer Ursache berücksichtigt wurden: Abhängig vom Schweregrad des psychischen Leidens stieg das Risiko um 25 bis 72 Prozent. Todesfälle durch externe Ursachen traten um 23 bis 219 Prozent häufiger auf.

Das Risiko, an Krebs zu sterben, war dagegen ausschließlich bei starken psychischen Symptomen erhöht, und zwar um 29 Prozent. Bei diesen Mortalitätssteigerungen ist bereits der Einfluss von Alter, Komorbiditäten und Lebensstil herausgerechnet. Das heißt, die Assoziationen waren nicht oder höchstens teilweise dadurch zu erklären, dass die Patienten in schlechterer seelischer Verfassung waren, weil sie bereits ein somatisches Leiden hatten.

Da subklinische psychische Probleme weit verbreitet sind, gehen die Studienautoren davon aus, dass sie einen großen Beitrag zur Mortalität leisten: Nach ihrer Berechnung sind sie für 3,8 Prozent aller Todesfälle in der Bevölkerung verantwortlich. Todesfälle durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen beziehungsweise durch externe Ursachen gehen demnach sogar zu 5,8 Prozent und 5,4 Prozent auf das Konto solcher leichteren psychischen Beschwerden.

Die schottischen Wissenschaftler vermuten, dass die Verkürzung der Lebenserwartung eine direkte Folge von psychischem Disstress ist – und nicht eine indirekte Folge durch die Vernachlässigung der Gesundheit. So beeinflusst akuter psychischer Stress die kardiovaskulären Funktionen und kann zum Beispiel transiente Myokardischämien auslösen.

Weiterhin können seelische Probleme über die Hypothalamus-Hypohphysen-Nebennierenrinden-Achse die Kortisolproduktion erhöhen. Auch steigt bei depressiven Symptomen die Konzentration vieler Entzündungsmarker. Die Autoren fordern nun Studien, in denen geprüft wird, ob eine Behandlung von subklinischen psychischen Problemen in der Lage ist, Lebenszeit zu retten.

 Soweit die „Wissenschaft“. Hören wir, was die Wissenden zu sagen haben.

„Krankheit ist Können.“ Das sagt Viktor von Weizsäcker (1956). Der Mensch bekomme seine Krankheit nicht einfach, er mache sie auch, so weiß er. Und mit ihm alle Kollegen, die einige Jahre (bei mir sind es bald 40) medizinischen Daseins auf dem Buckel haben. Die zahlreichen Lebens-, Leidens- und Heilungsgeschichten beweisen mir eines ganz klar: Die Seele ist ein Regulationssystem, das mich vor „Schlimmen“ bewahrt, in dem sie mich „Kränkungen“ vergessen und verdrängen lässt, wenn ich sie noch nicht fassen und bewältigen kann, die mir aber auch – mitunter verschlüsselt – Nachricht gibt, dass es jetzt an der Zeit sei, einen Entwicklungsschritt zu tun. Bleibt dieser mir unbewusst, weil ich nicht achtsam bin, oder ich mich gar davor drücke, dann scheut sie sich auch nicht, ihre Botschaft in eine Krankheit zu kleiden. – So what?

Ob die Schulmedizin und die zugehörige Zulieferindustrie die Metaanalyse aus Perth zur Kenntnis nimmt? – Never!

Hanswerner Herber

Blutfette nüchtern bestimmen?

„Nüchternblut“ – ein leidiges Thema. Längst hat die Fremdbestimmung im Arbeitsleben einen Grad erreicht, der die meisten Patienten aufstöhnen lässt, wenn sie zu Zeiten die Praxis aufsuchen müssen, die im harten Clinch zu ihren Arbeitszeiten stehen. Längst schon hatte ich das Dogma „Nüchternblut“ weitgehend ignoriert. Ausnahme: Fettstoffwechselstörungen. Und auch die Festung wurde geschleift. Zwar hatte ich den Eindruck, dass keine entscheidenden Unterschiede zur postprandialen (nach einer Mahlzeit) Abnahme vorlagen, aber wissenschaftlich fundierte Zahlen hatte ich nicht vorzuweisen und so blieb Zweifel und schlechtes Gewissen.

Nun, beides darf sich jetzt verflüchtigen:  Wie sich Nüchternheit auf das Lipidprofil auswirkt, haben kanadische Forscher untersucht (Arch Intern Med 2012, online 12. November). Dazu wurden Messwerte von 209.000 Personen analysiert, die binnen sechs Monaten in einem Labor bestimmt worden waren. Von den Patienten waren 4400 weniger als acht und 3000 weniger als vier Stunden nüchtern gewesen. Doch egal, ob sie erst vor einer Stunde oder bereits vor 16 Stunden die letzte Nahrung zu sich genommen hatten, wichen die mittleren Werte für das Gesamtcholesterin ebenso wie für das HDL-Cholesterin um weniger als zwei Prozent voneinander ab.

Nur die Triglyzerid-Werte waren postprandial deutlich um 20 Prozent höher. „Für Routinemessungen der Blutfette ist es größtenteils unnötig, dass der Patient nüchtern ist“, so das Fazit der Forscher. Die Daten und weitere Studien-Ergebnisse legen nahe, dass die Bestimmung der Blutfette nach Nahrungsaufnahme „eine vernünftige Alternative“ zur Messung in Nüchternblut ist.  „Für die meisten Lipidprofile müssen die Patienten nicht nüchtern sein“, sagt Dr. J. Michael Gaziano vom Brigham and Women’s Hospital in Boston. Postprandial gemessene Lipidwerte würden sowohl zur Abschätzung des kardiovaskulären Risikos als auch zur Entscheidung über eine lipidsenkende Therapie taugen. Nur zur Überwachung der Triglyzeridspiegel könne es sinnvoll sein, einige Nüchternmessungen vorzunehmen. „Mangels Beweisen für die Überlegenheit von Nüchternmessungen ist es vernünftig, bei der Mehrheit der Patienten, die sich routinemäßig vorstellen, die Lipide auch dann zu bestimmen, wenn sie nicht nüchtern sind.“

Quelle: www.springermedizin.de

Lebenszufriedenheit im Alter oder die kleinen Unvollkommenheiten

Welche Faktoren die emo­tionale Gesundheit im Alter beein­flussen und möglicherweise vor Alters­depressionen schützen können, haben Forscher des Universitäts­klinikums Ham­burg-Eppendorf untersucht. Die Ergeb­nisse sind unter dem Titel „Don’t look back in anger“ in der Fach­zeitschrift Science erschienen (DOI: 10.1126/science.1217516).

Bislang war ungeklärt, ob es eine neurobiologische Grundlage dafür gibt, warum manche Menschen gelassen reagieren und somit zufriedener altern als andere. Die Forschergruppe um Stefanie Brassen vom Institut für Systemische Neurowissenschaften ist dieser Frage in ihrer Studie nachgegangen.

 In der Versuchsanordnung spielten emotional gesunde junge und ältere Probanden sowie Patienten mit Altersdepression mehrere Durchgänge eines Glücksspiels. Bei diesem erhöht sich mit zunehmenden Risikoverhalten zwar der Gewinn, jedoch auch die Wahrscheinlichkeit zu verlieren. Mithilfe funktioneller Kernspintomographie konnten die Wissenschaftler Aktivitätsveränderungen im Gehirn der Probanden während des Spiels messen.

Entscheidend war, dass den Probanden nach einem Gewinn mitgeteilt wurde, wie viel mehr sie hätten gewinnen können, wenn sie in diesem Durchgang des Spiels mehr riskiert hätten. Danach war bei jungen Probanden und älteren depressiven Patienten auf den Bildern des Kernspintomographen zu sehen, dass das neuronale Belohnungssystem im ventralen Striatum nach dem Gewinn so wenig aktiv war, als wenn sie verloren hätten – sie ärgerten sich offenbar über die verpasste Chance.

Gesunde ältere Menschen reagierten dagegen auf Gewinndurchgänge immer mit einem Signalanstieg, unabhängig davon, ob sie noch viel mehr hätten gewinnen können oder nicht. Nur ein wirklicher Verlust führte zu einem Signalabfall.

Bereits in einer früheren Studie konnten die UKE-Forscher zeigen, dass das Frontalhirn wahrscheinlich reguliert, ob sich Menschen eher auf die positiven Aspekte des Alterns fokussieren. Das gleiche frontale Areal, der sogenannte rostrale Teil des anterioren Cingulums, war auch in der aktuellen Studie bei gesunden Älteren immer dann aktiv, wenn sie mit einer verpassten Chance konfrontiert waren. In einer unabhängigen Studie konnten die Befunde bei älteren Menschen bestätigt und mit Daten zur autonomen Reaktion gestützt werden.

„Ein gelassener Umgang mit Chancen, die man im Laufe seines Lebens verpasst hat, spielt eine entscheidende Rolle für die Lebenszufriedenheit im Alter“, folgerten die Forscher. Künftige Studien müssten nun prüfen, wie eine solche Adaptation beispiels­weise durch verhaltenstherapeutische Maßnahmen frühzeitig zu fördern sei.© hil/aerzteblatt.de

Was ich davon halte?

Mit der Schlussfolgerung gehe ich gerne konform, über die Forderung nach künftigen Studien mit der Zielsetzung der frühzeitigen Förderung kann ich nur müde grinsen.

Da halte ich es lieber mit Peter Bamm:

„Wenn ein Knabe sechszehn geworden ist, beginnt er, die Biographien großer Männer zu lesen, um ihnen ähnlich zu werden. Wenn er sechzig geworden ist, liest er die Biographien großer Männer, um festzustellen, daß sie ihm ähnlich sind. Der Knabe begeistert sich an der Vollkommenheit der großen Männer. Der alte Mann ist entzückt von ihren Unvollkommenheiten.“ … „Ganz offenbar gehören im allgemeinen Plan des Universums die kleinen Unvollkommenheiten zu den unentbehrlichen Betriebsmitteln. Die große Kunst im Leben bedeutender Männer liegt darin, daß die Laster, die sie sich anschafften, zu den Tugenden paßten, welche sie hatten.“ … „Wenn der Knabe mit sechzehn die Vollkommenheit großer Männer bewundert, weiß er noch nicht, wie viele Schlachten er in dem lebenslangen Krieg zwischen der Tugend und dem Laster verlieren wird. Wenn er dann mit sechzig weise genug geworden ist, von en kleinen Unvollkommenheiten der großen Männer entzückt zu sein, darf auch er sich mit Stolz der kleinen Vollkommenheiten erinnern, die ihm ein einem langen Leben in Siegen über sich selbst zuweilen gelungen sind. Die feinste dieser Vollkommenheiten ist das Lächeln über die kleinen Unvollkommenheiten des großen Lebens.“

Häusliche Gewalt

 

„Häusliche Gewalt gilt weltweit als eines der größten Gesundheitsrisiken für Frauen und Kinder. In vielen Fällen suchen die Betroffenen zunächst wegen Verletzungen und anderen Beschwerden, die auf häusliche Gewalt zurückgehen, die Arzt- oder Notfallambulanzen auf. Ärztinnen und Ärzte werden dadurch oft zu wichtigen Kooperationspartnern, wenn es darum geht, erste Hilfestellungen zu geben, häusliche Gewalt aufzudecken, denn sie ist  meistens kein einmaliges Ereignis.“

 

Das SkF- Frauenhaus im Kreis Paderborn besteht jetzt 30 Jahre. Gerne gebe ich hier die Kontaktdaten weiter und verweise auf den Frauenhaus_Flyer-2011.


Frauenhaus Salzkotten
Sozialdienst katholischer Frauen e.V.
Fon: 05258 / 987- 480
Fax: 05258 / 987- 499

What´s important in life?

Irgendwann stellen wir uns doch alle die Frage, was wirklich wichtig im Leben ist. Ob in unserem Leben, oder ganz allgemein betrachtet.Das Fotoprojekt “What`s Important In Life?” soll ein langfristiges Projekt sein. Die erste Etappe der Reise sind die United States of America.
Hier werde ich die Amerikaner an unterschiedlichen Orten fragen, was ihnen wichtig im Leben ist. Die Antwort soll in einem Wort auf eine Schiefertafel geschrieben werden, die sie dann präsentieren und ich dieses dann als Fotografie dokumentiere. Diese Orte können die Mall of America sein, zu Hause, innerhalb des Lebensraumes, auf der Straße oder auch in einer Schule.
Ziel ist es, die Menschen anzuregen, sich mit ihrem Leben auseinander zu setzen und über die Frage “What`s important in Life?” nachzudenken. Da ich mir die Lebensaufgabe gestellt habe, mit den Menschen, die mir auf meiner Lebensreise begegnen über ihre Lebenssichtweise zu kommunizieren.
Die erste Fotodokumentation aus Amerika präsentiere ich zu den Paderborner-Fototagen 2012.

(Öffnungszeiten: Montags bis Freitags von 09.00 bis 13.00 Uhr – Weitere Termine nach Absprache)

Simone Peckelsen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Gebet im Alter

Zu den Menschen, die ich sehr schätze, gehört Sibilla Pelke.

Sibilla Pelke, Dipl.-Päd. Journalistin, Bildungsreferentin in Düsseldorf und Paderborn,  Lektorin für wissenschaftliche Arbeiten, Unidozentin, Autorin etlicher Sachbücher und Biografien. Vertritt  eine transkonfessionelle und interkulturelle Spiritualität. Schrieb 2008/9 für die spirituelle Zeitschrift LICHTFOKUS Kolumnen über „Die Spiritualität des Alters“ und plädiert darin für Alterslosigkeit und Langlebigkeit als Aufgabe, da wir mit 80, 90 Jahren unser volles menschliches Potential überhaupt noch nicht erreicht hätten.

Heute möchte ich einen Ihrer Texte vorstellen, ein Gebet, dass mich sehr berührt hat. Da es in sich auch das Thema der Individuation trägt, habe ich es auch auf der Webseite unseres Seminarhauses individuatio veröffentlicht.

Ich lege es allen meinen „alten“ Patienten ans Herz und denen, die auf dem Weg dorthin sind.

Hanswerner Herber

 

 

Neurose 2.0

Neurose 1.0: „Ich leide. Mach´es weg! – Neurose 2.0: „Ich leide. Sag´mir, wozu?“

Die unten aufgeführten Textpassagen habe ich zusammengestellt, für diejenigen Leidenden, die dabei sind, ihr Leiden nicht einfach abzuschütteln, wie ein lästiges Insekt, sondern…

„…es ist nicht so, dass Gott etwa den neurotischen Menschen in irgendeine Buße manövrieren will, indem er ihn mit Seelenqualen überhäuft; vielmehr ist es der Anteil, den der Mensch am Göttlichen hat, selber, der sich nicht beiseiteschieben lässt. Ein neurotischer Mensch ist einer, um den noch – oder wieder – gerungen wird, einer der nicht zu denen zählt, die sich selbst aufgaben, indem ihnen das Verdrängen ihres höheren Wesens tatsächlich gelang. Das Missgeschick des Neurotikers ist ein heilsames Missgeschick, eine Krankheit zum Leben und nicht zum Tode, während der anscheinend Gesunde, wenn seine „Gesundheit“ in der erfolgreichen Abwürgung des Menschenähnlichen besteht, mehr tot als lebendig ist.“ […]

„Niemals, in keinem Fall, ist eine Neurose heilbar durch Banalisierung des Lebens. Sie ist stets ein Bewusstwerden des Gespenstischen, das nur heilsam vorwärtsgeführt werden kann, in eine Wirklichkeit, die wertbeständig echt und weit und frei ist, die höher und nicht tiefer liegen muss als jenes Erlebnisniveau, auf dem sich der Leidende abquält.“ […]

„Der neurotische Mensch versucht zwar auszuweichen, Ersatz-Sicherungen zu finden und billiger davonzukommen; er fesselt sich in seine Zwänge, wahnhaften Rituale, Angsterlebnisse und organischen Funktionsstörungen … aber es nützt ihm nichts, denn er leidet, leidet, leidet. Er quält sich selbst – jedoch während er selber wähnt, er quäle sich hinab in den Zerfall, quält er sich in Wahrheit ins Unerträgliche. Im Unerträglichen vermag es niemand auszuhalten, also gibt es keine Sackgasse für den Neurotiker, worinnen er blind enden könnte. Unbarmherzig muss er sich weiterbohren, peinvoll und zugleich hoffnungsvoll weiter.

Man kann dem neurotischen Menschen helfen, aber man muss wissen, wohin man ihm zu helfen hat. Das methodische Wie ist nicht so wichtig, das finale Wohin entscheidet. Überlässt man ihn sich selber, so lehrt die Erfahrung, dass in den meisten Fällen Extrempunkte des Unerträglichen erreicht werden, die die Wende einleiten. Oft provoziert der Psychotherapeut – willentlich oder ahnungslos – das Erreichen solcher Extrempunkte, mindestens ebenso oft aber gelangt der Leidende von sich selbst dorthin und erlebt, dass, nach Hölderlins Wort, gerade dort, wo die Gefahr am unheimlichsten ist, das Rettende wächst.“

Herbert Fritsche, Das Wagnis Mensch zu sein

Modekrankheiten

Jede Zeit hat ihre Moden. Wieso auch nicht! Hat doch schon das Verbum in einem simplen Satz sein Tempus und seinen Modus. Stefan malt ein Bild, Stefan malte ein Bild, Stefan könnte ein Bild malen. Stefan ist Stefan und dennoch tritt er nicht nur durch das Objekt (Bild), sondern auch im zeitlichen Kontext und in der Art Weise seines Handelns unterscheidbar in Erscheinung.

„Moden“ in der Medizin treten ebenfalls abhängig vom Zeitgeist, gesellschaftlichem Wandel und Fortschritten in der Wissenschaft in Erscheinung. So gab es die Hysterie und den Wahnsinn, das Panik- und das Müdigkeits-Syndrom, Managerkrankheit und Vegetative Dystonie.

Besonders „in“ sind im Moment Traumatisierungen mit Missbrauchshintergrund,  Borderline- und Essstörungen, AD(H)S, Burnout und ja, es ist im Kommen Boreout. Wir langweilen uns zu Tode.

  • „Gesundheit ist überhaupt nicht nur ein medizinischer, sondern überwiegend ein gesellschaftlicher Begriff“, so der Philosoph Ernst Bloch.
  • „Health is a state of complete physical, mental and social well-being and not merely the absence of disease or infirmity.“, so die Weltgesundheitsbehörde (WHO).
  • „Gesundheit ist ein Zustand optimaler Leistungsfähigkeit eines Individuums, für die wirksame Erfüllung der Rollen und Aufgaben für die es sozialisiert worden ist“, so der Soziologe Talcott Parsons.
  • Gesundheit und Krankheit ergänzen sich, sie bilden ein Kontinuum. Die Positionierung auf dem Kontinuum wird primär durch das Vorhandensein bzw. das Fehlen  von physischen und psychischen Krankheiten bestimmt. Wenn sich durch die Verminderung von Risikofaktoren und die Förderung von Schutzfaktoren das Wohlbefinden des Individuums verbessert, kann sich seine Positionierung auf dem Kontinuum in Richtung Gesundheit verschieben, so der salutogenetische Ansatz von Aaron Antonovsky.

Nochmal zurück zu Ernst Bloch: „Und Gesundheit wiederherzustellen, heiße in Wahrheit: den Kranken zu jener Art von Gesundheit bringen, die in der jeweiligen Gesellschaft die jeweils anerkannte ist….Gesundheit ist in der kapitalistischen Gesellschaft Erwerbsfähigkeit; unter den Griechen war sie Genussfähigkeit, im Mittelalter Glaubensfähigkeit.“

„Wir stehen nicht vor einem Übel der üblichen Art, sondern vor der Verderbnis des Besten, die dann eintritt, wenn die Frohe Botschaft institutionalisiert wird und die Liebe verkehrt wird in den Anspruch auf Dienstleistungen“. Über diese “Medikalisierung des Lebens“  schrieb Ivan Illich 1975 in seinem Buch „Die Nemesis der Medizin“.

Die Gefahr, dass Krankheiten nicht erkannt würden und Patienten daher auch keine rechtzeitige Hilfe erhielten, führt zu einer defensiven Medizin mit übersteuerter und überteuerter Diagnostik und überflüssiger Therapie. Die entsprechenden Industrien freuen sich. Natürlich besteht auch die Gefahr durch falsch-positive Befunde aus Gesunden Kranke zu machen. Meist hilft hier die Frage: Würde ich die vorgeschlagene Diagnostik/Therapie auch den mir Liebsten zukommen lassen? Mag ja sein, dass intuitives Vorgehen als unwissenschaftlich gebrandmarkt wird, aber meist ist das Bauchgefühl sogar schneller und sicherer, fußt es doch auf dem Boden impliziten Vorwissens, heuristischer Regeln und evolvierter Fähigkeiten, wie Gerd Gigerenzer es so treffend auf den 62. Psychotherapiewochen (2012) in Lindau ausgedrückt hat.

Als junger Arzt bin ich mit Verve und Leidenschaft in die Falle des „Problemlösers“ getappt. Zu verführerisch war es für das EGO des Heilers, den enormen Erwartungen des Patienten nachzugeben und ihn mitunter willfährig aus dem Zauberkasten des Medizinbetriebs zu bedienen. Von der angebots-induzierten Nachfrage, getriggert  von den Wissen produzierenden Universitäten, der Medizintechnik und der Pharmaindustrie, will ich gar nicht reden.

Dr. med. Asklepios H. – Projektionsgestalt einer gewaltigen Heilssehnsucht mit schon quasireligiösem Anstrich. Natürlich habe ich schnell erfahren müssen, dass ich diese Erwartungen letztendlich nur enttäuschen konnte. Noch später habe ich begriffen, dass die Rolle des Problemlösers gar übergriffig ist.

Wie ich der Falle entkommen bin?

Ich kümmere mich nicht mehr um Krankheiten. Sie entfremden mir mein Gegenüber. Heute bin ich wieder da, wo ich als Famulus einst stand. Ich sehe nicht mehr die Krankheit, sondern den kranken Menschen.

Und aus der Sicht ist es mir völlig wurscht, ob es Modekrankheiten gibt oder nicht.

Hanswerner Herber