Reizüberflutung
Ist ADHS eine Krankheit?
März 24th, 2025
posted by Hanswerner Herber
Der Eindruck, dass ADHS-Diagnosen zunehmen, spiegelt sich in internationalen Studien wider. Tatsächlich hat sich die Zahl der Diagnosen in den letzten Jahrzehnten vervielfacht, vor allem in westlichen Industrieländern. Hierfür gibt es mehrere Erklärungsansätze, die sich grob in drei Bereiche gliedern lassen: neurobiologische, psychosoziale und kulturell-mediale Faktoren.
Neurobiologische Perspektive
ADHS wird primär als neurobiologische Störung betrachtet, die mit Dysfunktionen in der Selbstregulation, der Impulskontrolle und der Dopaminregulation assoziiert ist. Genetische Dispositionen spielen eine Rolle, doch diese allein können den Anstieg der Diagnosen kaum erklären. Auffällig ist, dass die neurologische Forschung zunehmend auch Umwelteinflüsse wie pränatale Belastungen (z.B. Nikotin oder Alkohol) und frühkindliche Traumata als prägende Faktoren anerkennt.
Psychosoziale Perspektive
Gesellschaftlicher Druck, erhöhte Leistungsanforderungen, Überstimulation durch digitale Medien und eine Verflachung traditioneller Schutzräume (Familie, stabile Sozialstrukturen) sind relevante psychosoziale Faktoren. Auch der Wandel in der Pädagogik – weniger Bewegung, mehr standardisierte Tests, größerer Fokus auf kognitive Leistungen – kann ein Auslöser sein.
Kulturell-mediale Perspektive
„ADHS als Symptom der Zeit“: Unsere Gesellschaft ist zunehmend fragmentiert, digitalisiert und reizüberflutet. Aufmerksamkeit wird zur Ware, die Ökonomie basiert auf „Clickbait“, der ständigen Ablenkung. Der Einzelne steht in einem Spannungsfeld zwischen Selbstoptimierung und permanenter Zerstreuung. Soziale Medien, Multitasking und ständige Erreichbarkeit fördern kurzfristige Aufmerksamkeitsspannen, die sich schwer mit langfristiger Konzentration und Fokus vertragen.
ADHS als kulturelle Anpassungsleistung?
Einige Forscher und Sozialwissenschaftler gehen so weit zu sagen, dass ADHS weniger als „Defizit“ zu betrachten sei, sondern als Anpassung an eine zunehmend fragmentierte, beschleunigte Welt. Eine Welt, die vom schnellen Wechsel der Aufmerksamkeit, dem Hyperfokus auf Reize und der impulsiven Reaktion auf Veränderungen lebt. Solche Perspektiven provozieren, regen aber auch zur Reflexion über gesellschaftliche Normen an: Was ist „normales“ Verhalten in einer abnormalen Umwelt?
ADHS-Gesellschaft als Leitbild?
Wenn man den Gedanken weiterspinnt: Könnte ADHS nicht als neues kulturelles Leitbild verstanden werden? Schnell reagieren, viele Reize verarbeiten, ständig online und flexibel sein – das sind Tugenden, die in einer digitalisierten Arbeitswelt zunehmend gefragt sind. Damit einher geht jedoch eine Entwertung von Langsamkeit, Reflexion und Kontemplation.